St. Vitus Kirche
Ammern
Dieses Weihekreuz aus dem 13.Jh. verbindet uns mit Menschen aus mehreren Jahrhunderten. Es wurde bei der Restaurierung unserer Kirche im Chorraum freigelegt. Von den neun (wohl eigentlich zwölf) Kreuzen sind heute sieben wieder zu sehen. Sie sind mit Freskotechnik in den frischen Putz der Kirche eingearbeitet worden und konnten so die Jahrhunderte unter den verschiedenen Putzschichten überdauern. Nun freigelegt umgeben die Kreuze an drei Wänden einen jeden der den Chor betritt wie einen Mantel. Er kommt zur Ruhe, findet den Weg zu sich und zu Gott.
So freuen wir uns, dass die St. Vitus Kirche auf dem neu eingerichtete Pilgerweg von Volkenroda nach Loccum liegt. „Unser“ Weihekreuz (das sich auch im Torhaus in Loccum befindet) dient als Wegmarke, der ca. 300 km lange Strecke. Die Pilger haben die Möglichkeit zur Selbstbesinnung in hektischer Zeit, die Vergangenheit zu vergegenwärtigen und zwei der bedeutendsten nord- und mitteldeutschen Kulturlandschaften zu durchwandern. Wer in Ammern Station macht, nimmt hier das Weihekreuz dann mit seinem doppelten Kreis wahr: Gott ist schützend um mich und mein Leben ist in Ausrichtung auf Gott rund. Das kann sich dem Einzelnen Schritt für Schritt auf seinem Pilgerweg nach Loccum erschließen.
Wer in Ammern Station macht, entdeckt eine lange kirchliche Tradition.
Der Namenspatron unserer Kirche der Heilige Sankt Vitus gehört zu den Vierzehnnothelfern.
Der Sizilianer Vitus (Veit) fand im Alter von sieben Jahren zum christlichen Glauben und musste daraufhin vor seinem andersgläubigen Vater fliehen. Um 304 findet er den Märtyrertod.
Man rief ihn an bei Blitz und Feuergefahr, die Epilepsie wurde nach ihm Veitstanz genannt, da er auch angerufen wurde bei Hysterie und Besessenheit.
Er war der Schutzheilige u.a. der Apotheker, Gastwirte, der Küfer und Kupferschmiede, der Stummen und der Gehörlosen.
Sein Attribut ist der Hahn und der Vitustag ist der 15. Juni (in diesen Zeitraum fällt die Kirmes (ursprünglich Kirchweihfest) in Ammern).
Seine Gebeine sollen im Kloster Corvey im Westfälischen zu finden sein, von wo aus die Missionare ausgingen, die dann St. Vitus Kirchen gründeten. Die bedeutendste Kirche befindet sich in der Prager Burg, dem Hradschin.

Einiges aus der Baugeschichte
Die ammersche Kirche blickt auf eine lange Baugeschichte zurück. Der Archäologe Rolf Aulepp datiert das Fundament der Sakristei in das 11. Jahrhundert. In dieser Zeit dürfte auch das Kirchenschiff gebaut worden sein. Der Turm mit dem Chorraum gilt als frühgotische und entstand wohl in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Leider gibt es hierfür keine schriftlichen Belege, so dass Experten nur anhand der Bausubstanz eine Einordnung vornehmen können. Bemerkenswert ist die dreigliedrige Fenstergruppe in der Ostwand des Chores, die in ihrer weise den Raum bestimmt. Der Turm wurde im Obergeschoss zu Ende des 19. Jahrhundert umgebaut und mit neugotischen Elementen, wie Türme und Zinnen verziert. Zur Zeit des Barocks erlebte die Kirche auf im Inneren einen großen Umbau. Die Emporen und hölzerne Tonne (Deckengewölbe) stammen aus dieser Zeit und geben dem Kirchenschiff ein füllendes Gepräge. Den Blick des Betrachters ziehen auch die großen farbigen Fenster der Südwand auf sich. Die im indisch-geometrischem Mandala-Stil gefertigte Glasmalerei liegt das biblische Motiv zu Grunde: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben (Joh. 15,5). Sie stammen aus einer Kassler Werkstatt und sind um das Jahr 1900 in die Kirche gekommen.
Kunsthistorisch wertvoll ist das Inventar der Kirche. Die ältesten Stücke sind der Taufstein und die Mensa (Steinplatte) des Altars. Der Taufstein ist aus Muschelkalk gefertigt und mit Maßwerk verziert. Er wurde in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts geschaffen. Dies gilt wohl auch für die Altarmensa; so handelt es sich bei diesen Stücken um vorreformatorisches Inventar. Von neuem kirchlichem Leben nach der Reformation zeugen zwei weitere Ausstattungsstücke, der Altar und die Kucherglocke. Beide werden der Epoche der Renaissance zugeordnet. Die Kucherglocke trägt die Jahreszahl 1572, in dieser Zeit dürfte auch der dreiteilige Flügelaltar entstanden sein. Die klare Malerei der drei Bildtafeln mit biblischen Motiven und Christus ganz im Zentrum bei der Feier des heiligen Abendmahles lässt einen großen Maler vermuten, der aber leider nicht bekannt ist. Auch der Aufbau über den Bildtafeln konnte in den letzten Jahren wieder hergestellt werden, so dass wir heute den Altar in seiner ursprünglichen Form vor Augen haben. Die Kanzel mit ihrem schön gearbeiteten Korpus dürfte in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts entstanden sein und wird mit Gräsern und Blüten verziert. Einst gehörte auch ein Schalldeckel zum Exempel, dieser ist leider nicht mehr vorhanden. Auch die Königin der Instrumente, die Orgel, ist in der St. Vitus Kirche zu Hause. Sie wurde im Jahr1859 von dem Orgelbauer Johann Friedrich Grosse aus Mühlhausen gebaut und gilt als gut dispositioniert. Obwohl sie zurzeit spielbar ist, muss sie dennoch in den nächsten Jahren fachmännisch saniert werden.
Durch Pfarrer Niemann wurde im Jahre 1997 eine große Bauperiode an der Kirche zu Ammern in Gang gesetzt. Mit der Trockenlegung und Sicherung der Wände, Absenkens des Fußbodens auf das alte Niveau, Verstärkung des Dachstuhles und Putzarbeiten außen und innen wurde die Substanz vor dem Verfall bewahrt. Bei der farblichen Gestaltung des Innenraumes wurden acht Weihekreuze an den Wänden des Chorraumes und vier Medaillons im Kreuzrippengewölbe von den Restauratoren freigelegt. Die vier Medaillons zeigen die Symboltiere der Evangelisten (Engel = Matthäus, Löwe = Markus, Stier = Lukas, Adler = Johannes). Weiterhin wurde bei den Bauarbeiten ein Gang mit einem Gewölbekeller an der Westwand der Kirche entdeckt. Er stammt vermutlich aus Zeiten des Dreißigjährigen Krieges und diente wahrscheinlich als Schutz vor Plünderungen.
Zu den jüngsten Aktivitäten an der Kirche zählen der instand gesetzte Turmknopf von 1865 mit Wetterfahne im Jahre 2003 und die Sanierung der Kucherglocke und Anschaffung der dritten Glocke (2000-04).
Für die Zukunft sind die Erneuerung der Kirchturmuhr, die weitere farbliche Innengestaltung und die Sanierung der Orgel geplant.
Unterdessen füllen wir den Kirchraum mit Leben:
sei es mit Gottesdiensten der unterschiedlichsten Art: wie bei den regionalen Schulanfangsfesten, unserem jährlichen Gemeindefest, zur Kirmes oder mit Jugendgottesdiensten und Feiern der Gemeindemäuse. Auch die Konzerte der Village Blues Band, der Musikschule Sebele und die Krippenausstellung im Rahmen des Weihnachtsmarktes gehören zum Leben in und um die Kirche in Ammern.
D. Reiß
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